Wenn du Zeichnen lernen willst, schließ die Augen

Kennst du diese Sätze?

„Ich kann keine gerade Linie zeichnen.“
„Ich kann nicht zeichnen.“
„Als Kind zeichnete ich gern, doch meine Eltern wollten, dass ich etwas vernünftiges mache.“

Können diese Sätze von dir stammen? Es sind traurige Sätze, stimmt’s? 

Es sind Aussagen, die ich, als freischaffende Illustratorin, oft von anderen höre. Sie widerspiegeln die Sehnsucht, sich kreativ ausdrücken zu dürfen, manchmal Reue, weil die Kreativität unterdrückt wird und häufig begleitet diese Aussagen eine gewisse Traurigkeit. 

Ich denke, solche Traurigkeit entsteht, wenn du gegen deinem Wesen arbeitest. Ja. Es stimmt. Als Illustratorin zu arbeiten war nicht immer einfach. Es gibt oft gut-gemeinten Rat von Freunden und Familie, die sich sorgen, dass du dem „brotlosen Kunst“ nachgehst. Dass du auf der Strasse hungerst.

Doch ist es richtig, dass du deine Seele hungern lässt? Die schwersten Jahren meines erwachsenen Lebens waren die drei Jahren, wo ich keinen Stift in der Hand hielt. Ich trauerte lange über den Tod meiner Mutter, war überfordert mit der Kindererziehung, meine kleine Tochter schlief damals so gut wie nie länger als 2 ½ Stunden am Stück, mein Sohn hatte Nachtschrecken – wie Albträume, nur schlimmer. Mir ging es, ehrlich gesagt, nicht gut. Ich kümmerte mich um die Belangen meiner Familie und habe MICH verkümmern lassen. 

Dabei wäre es so einfach gewesen. Ich hätte einfach meine Buntstifte übers Papier gleiten lassen müssen. Aber, wie viele Eltern vor und nach mir, fand ich keine Zeit dazu. 

Die Wende

Ich weiß nicht, wann genau, aber ich weiß, dass es so war: Der Stift war wieder in meiner Hand und ich konnte die Seele aus dem Leib zeichnen. Als mein Sohn 3 wurde, habe ich mich selbstständig gemacht. 

Die Ironie

Als ich auf der High School war, wurde mir gesagt, ich könnte nicht zeichnen.
Doch ich wusste, ich wollte es können.
Und mit Stift und Papier habe ich mein Ziel über dem Sommer erreicht.
Mein Lehrer hat nicht schlecht gestaunt.

Möchtest du zeichnen können?

Du brauchst keine gerade Linie zu zeichnen.

Du darfst zeichnen – auch wenn die Worte „brotlose Kunst“ in deinem Kopf hallen. Es sind ihre Worte. Du darfst sie stumm stellen. 

Du musst zeichnen, wenn du es dir wünschst.

Wenn du etwas kennst, kannst du es zeichnen

Die meisten Menschen können etwas familiäres aus ihrem Alltag kritzeln. Denk an einen Golfspieler. Er kann dir garantiert seinen Golfschläger und das 18. Loch zeichnen. Der Eismatscher kann sicherlich ein Eis malen, der Buchhändler einen Stapel Bücher. Es sind Gegenstände aus ihrem Leben. 

Versuch es selbst: Denk nicht viel nach. Nimm einfach einen Stift und ein kleines Blatt Papier – es muss kein gutes Blatt sein – nur etwas, was herumliegt und zeichne etwas, was du täglich oder für dein Hobby oder Sport benutzt. Gib dir eine Zeitgrenze von einer Minute. Das Ergebnis wird wahrscheinlich nicht fotorealistisch sein, doch du wirst eine gewisse Ähnlichkeit erkennen. 

Aber es ist nicht perfekt…

Das mag sein, aber du hast angefangen zu zeichnen. Das ist der erste Schritt um Zeichnen zu lernen. Ich gratuliere dir!

Wenn du Zeichnen lernen willst, schließ die Augen

Ja. Das ist richtig. 

Oft lassen wir uns von unserer Vorurteile leiten. Und vergessen zu gucken. 

„Und wie, bitte schon, soll ich etwas zeichnen, wenn meine Augen zu sind?“ Das haben meine Schüler mich oft gefragt. ‚In dem du deinen Tastsinn einsetzt‘ ist die Antwort. 

Stell einen Kaffeebecher oder ein asymmetrisches Objekt auf dem Tisch. Es sollte schwer genug sein, dass es nicht wegrutscht, wenn du es berührst. 

Befestige ein Blatt Papier auf dem Tisch und nimm deinen Stift – Filzstift, Bleistift, Kuli, Feder, wie auch immer – in deinen Schreibhand auf. Strecke die Finger der anderen Hand aus und berühre die Kante des Objekts. Dies wird dein Startpunkt sein. 

Mach die Augen zu. 

Während du die Konturen des Objekts mit der einen Hand folgst, zeichnest du die Bewegungen mit der anderen Hand. Du wirst quasi zum lebendigen Pantograf. (Ein Pantograf ist ein Gerät, auch Storchschnabel genannt, es ist ein mechanisches Instrument für das Übertragen von Zeichnungen im gleichen, größeren oder kleineren Maßstab.

Also wenn die Kontur des Gegenstandes nach hinten geht, mach dieselbe Bewegung auf dem Papier mit deinem Stift. Wenn die Form eine Kurve aufweist, dann folge die Kurve mit deinem Stift. 

Erst wenn du meinst, du hast alle Konturen abgetastet, darfst du die Augen öffnen. 

Aber es sieht doch ulkig aus! 

Wenn du, z.B. einen Becher gezeichnet hast und der Henkel viel größer wurde als der eigentliche Becher bedeutet das, dass du dich mit diesem Teil des Objekts länger auseinandergesetzt hast als mit den anderen. Das ist normal.

Bereit für einen neuen Versuch?

Denk an ein Objekt, was du gern hast oder täglich verwendest oder an dein heißbeliebtes Kuscheliger aus deiner Kindheit. Mach wieder die Augen zu und visualisiere die gleiche Aktion: Zeichne während du geistig das Objekt, was du dir vorstellst, abtastest. Du visualisierst und zeichnest gleichzeitig – lass die Augen zu – deine Hände lernen mit deinem Hirn zu arbeiten. Da brauchst du keine Ablenkung. Nimm dir Zeit dafür. 

Wie ist das Ergebnis? Ulkig? Ähnlich? Oder ulkig und ähnlich? Poste deine Ergebnisse auf Instagram mit dem hashtags, #drawwithyoureyesshut #closeyoureyesanddraw #zeichnemitdenaugenzu #augenzuundzeichne. Denk dran mich zu taggen @hoffmanillustrates Erzähl kurz über was du gezeichnet hast und wie es dir dabei ging. 

Was ist wichtiger: Das Ergebnis oder den Weg dahin?

Heute ist der Weg wichtiger. Weil du dein Ziel, zeichnen zu können, wieder aufgenommen hast. 

Bleib kreativ!

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